Route2China, Teil IV: Leben in Shanghai, Tag 6-10

Bericht von Elias Christen:

Die Zeit vergeht schnell und es gibt so vieles zu erzählen. Nach der ersten Woche, sind wir definitiv angekommen. Mittendrin und alles was anfänglich für unsere Augen neu war, ist bereits Alltag. Bei der Arbeit im Bunker herrscht ein sehr gutes Klima. Es kommt uns nicht vor, als seien wir in einem Bunker. Es ist mit gutem Licht, mit guter gefilterter Luft ausgestattet und wir fühlen uns wohl. In unserer Freizeit sind wir natürlich wieder auf Erkundungstour.

Mit den Aufträgen kommen wir gut voran. Für den Kunden der Tablet-App dürfen wir zwei neue Aufträge erledigen: zum einen sollen wir für den zweiten Standort ein Werbefilm drehen. Für mich komplett etwas Neues. Aber so sehen wir dann auch den Zusammenhang und die Schwierigkeiten, die zu beachten sind. Dazu kann ich jedoch noch nicht viel sagen.

Zum anderen sollen wir zur Tablet-App mit der Gesichtserkennung, die Resultate auf einer Webapplikation darstellen resp. sie sollen automatisch einfliessen. Der Zeitpunkt an dem sich eine Person vom Film abwendet, soll umgehend dokumentiert werden: Position, Zeitangabe etc. So kann ermittelt werden, wann der Werbefilm langweilig wird. Also zwischen 1 Sekunden bis zu 45 Sekunden und entsprechend reagiert werden.

Die Schwierigkeit bei der Gesichtserkennung ist, wenn mehrere Personen gleichzeitig schauen. Wie wird festgestellt,  welche Person sich zuerst abwendet oder sogar wieder zurückkommt? Es erkennt nur das Gesicht, jedoch nicht den Menschen selbst. Hier sind wir noch am Anfang und Tüfteln. Denn es darf die Statistik nicht verfälschen.

Ein Meeting mit einem bekannten Auftraggeber stand an. Dieses hat leider nicht stattgefunden. Er meinte, er wolle erfahrene Entwickler. Schade, das wäre für uns eine tolle Chance gewesen.

Arbeitsstunden als Freelancer

Als Freelancer arbeiten wir 5-Tage pro Woche. Für nicht verrechenbare Stunden werden wir nicht bezahlt. Heisst, wenn eine Sitzung mehr als eine Stunde dauert oder wir einen Unterbruch oder eine Pause einbauen, verdienen wir nichts. Oder wenn ich eine Information für die Arbeit suche/brauche, werde ich dafür nicht bezahlt. Fazit: nicht verrechenbare Stunden werden nicht bezahlt. So kann es durchaus sein, dass wir 12 Stunden im Betrieb sind aber nur 8 Stunden bezahlt bekommen. Ich arbeite definitiv mehr an einem Riemen und habe weniger Unterbrüche. Ich bin sehr auf die Arbeit fixiert. Der Nachteil ist die Konzentration, diese lässt entsprechend nach. Und es raucht aus dem Kopf. So beenden wir die Arbeit. Bei Codebunker gibt es bis jetzt keine 12 Stunden-Tage – wie es bei den andern aussieht, kann ich nicht beurteilen.

Unterwegs in der Freizeit

Nach der Arbeit geniessen wir die Kultur: auf zur Stadtbesichtigungstour by night. Die Metro hat es in sich. Wenn es viele Leute hat, wird die Metro-Station einfach geschlossen. Dies passierte uns, als wir zum Bund wollten. So landeten wir beim Shanghai-Tower. Letzte Woche war Nationalfeiertag. Während einer Woche wird irgendwie gefeiert. Dadurch gab es nebst uns, enorm viele chinesische Touristen (Ferienzeit). So viele Personen auf einmal! Es gibt keine Ampeln, um die vielen Leute von der Hauptstrasse zu trennen. Dafür wird eine grössere Anzahl Polizisten aufgeboten. Die Polizisten sperren die Fussgängerzonen und den Verkehr ab. Nicht mit Barrieren sondern mit ihnen selbst. Reihenweise. Sobald getrillert wird, marschieren die Polizisten zusammen in einer Reihe und öffnen so den Durchgang für die Fussgänger, die die Strasse überqueren können. Gleichzeitig sperren Sie die Durchfahrt für die Fahrzeuge. Einzigartig. Eine Art Parade.

Zu diesen Feierlichkeiten gibt es viele Stände, viel kitschige und farbige Utensilien, Spielzeuge etc. Auch wir haben es uns nicht nehmen lassen. Mein Kollege Alex hat mir ein Haarreifen mit blinkenden, leuchtenden Hasenohren gekauft – damit ich als kleinster in der Gruppe gesehen werde… Unsere Gruppe Alex, Pascal, Fabian und ich, wir sind sehr experimentfreudig, das macht Spass.

Am Samstag schliefen wir erstmals bis 10 Uhr aus. Danach fuhren wir zu einem Anzugsladen. Dort liessen wir uns Mass-Anzüge und zwei Hemde anfertigen. In nicht einmal einer Woche kriegen wir eine komplette Kleidung für umgerechnet ca. CHF 220.-. Wir besuchten auch ein traditionelles Teehaus, wo wir verschiedene Tees degustierten und ich für mich unbekannte Tees kaufte. Ich als Kaffeetrinker muss sagen, ich verzichte hier gerne auf den Kaffee und trinke Tee oder heisses Wasser – na ja.

Weiter verbrachten wir die Zeit in einem Quartier das viele kleine Läden hat. Die Läden waren etwas verwirrend aufgestellt, wie in einem Labyrinth – dort habe ich mir Souvenirs zugelegt. Aber auch ein Brot oder zumindest etwas Ähnliches gekauft. Das schmeckt wie süsses Hotdog-Brot. Die Geschmackserlebnisse sind definitiv sehr hoch. Freude herrscht.

Am Sonntag besuchten wir das Tech-Mall. Es ist ein mehrstöckiges Gebäude das viele Läden mit Computer, Fotokameras, Spiele – einfach Unmengen an elektronischen Utensilien verkaufen. Inmitten einer Verkaufsfläche ist zum Beispiel ein Auto platziert. An den Wänden sind Regale mit entsprechenden Bücher dazu. Sehr übersichtlich und wie in einem Museum. All diese Läden und die Betrachtung dieser Vielfalt, ist die reinste Überforderung der Augen. Trotzdem haben wir viel Zeit dort verbracht. Komplett erschlagen wollten wir noch den Yu Yuan Garten anschauen und dort etwas „chillen“ leider war er geschlossen.

Fürs Abendessen am Samstag fuhren wir zu einem teureren Viertel. Das Abendessen nahmen wir in einem Restaurant ein, das preislich etwas hoch war. Da zahlt man für ein Stück gutes Fleisch schnell mal CHF 50.- – also Schweizer Verhältnisse. Ich entschied mich für ein ganzes Poulet mit Bratkartoffeln. Die Restaurantbesucher waren eher westlicher Natur. Auf dem Rückweg zum Hotel blieben wir bei einer lokalen chinesischen Bar hängen und spielten wieder dieses typisch chinesische Würfelspiel – mittlerweile wissen wir wie es geht, aber nicht wie es heisst (ausspricht).

Nǐ hǎo und Xièxiè

Am Montag hatten wir die erste Chinesisch-Stunde. Es war sehr anstrengend und schwierig. Wie die Stunde ablief? Alte Schule: der Lehrer sagt etwas und wir sprechen es ihm nach. Es geht ja nicht nur um die Aussprache, es geht auch um den Ton. Ob wir uns das merken können? Gelernt haben wir unter anderem die Zahlen und die Begrüssung. Trotzdem, wir haben noch ein richtiges Durcheinander. Zumindest wissen wir, wie alt wir sind: shíbā = 18.

Auch hatten wir einen Studentenaustausch. Die chinesischen Studenten präsentierten uns etwas über ihre Schule, was sie machen und was ihnen gefällt. Dann spielten wir ein Spiel mit einem Gong. Es wurde ein Plüschtier rumgegeben. Wenn der Gong erklang, musste derjenige, der das Plüschtier hielt tanzen, singen oder einen Witz erzählen. Alex hat es erwischt – er tanzte sehr gut :-). Gemeinsam mit den chinesischen Studenten gingen wir dann Abendessen (Streetfood).

Zum Sport sind wir noch nicht wirklich gekommen. Im Campus gibt es einen Gym. Wir versuchten es. Die Geräte sind jedoch so alt, dass sie teilweise auseinanderfallen. Da lassen wir es lieber sein, bevor wir uns verletzen. Apropos verletzen: Meiner Schlüsselbein-Fraktur geht es von Tag zu Tag besser und die Bewegung kommt langsam zurück – noch nicht ganz schmerzfrei.

Und zuletzt noch dies:

Für mich war der sechste Abend ein Highlight: endlich durfte ich Insekten essen. Ich probiere einfach alles. Von Heuschrecken, Skorpione, Honigbienen-Larven, Maden zu Tausendfüssler und ganz ehrlich –  ich habe keine Ahnung, was ich da alles zu mir nehme. Aber – das war definitiv sehr gut, ehrlich. Und zum Dessert gab es noch eine Glace mit Waffel. Mein bestes Essens-Erlebnis bisher. Und genau so habe ich mir Shanghai vorgestellt.

Bericht Route2China Teil I
Bericht Route2China Teil II
Bericht Route2China Teil III
Bericht Route2China Teil V
Bericht Route2China Teil VI

Impressionen:

2018-11-27T10:22:28+02:00