Shall we dance?

Oder warum IT-Verantwortliche in Unternehmen mehr Tanzstunden nehmen sollten

Paartanz ist keine grosse Sache, könnte man meinen. Ein bisschen Musik, der Mann führt, die Frau lässt sich führen. Doch, weit gefehlt! Das zentrale Element für ein perfektes, aufeinander abgestimmtes, Freude und Erfolg bereitendes Tanzen ist die Choreografie. Die Choreografie ist Kernkompetenz des Tanzlehrers. Er studiert und erfindet Bewegungsabläufe passend zu einem bestimmten Musikstück. Die Tänzer bewegen sich dann professionell zum Spiel des Orchesters. Es ist kein Wunsch-konzert.

Wer heute als IT Unternehmer erfolgreich sein will, muss analog zum Paartanz die Choreografie beherrschen. Aber was hat Choreografie im Paartanz mit unternehmerischer Tätigkeit zu tun? Die Antwort ist einfach: Kunden- und Arbeitsmärkte verändern sich laufend, in hohem Tempo, diametral. Der eine Partner im Tanz: der Markt der Kunden – mit ihren stetig ändernden, hohen Ansprüchen. Der andere Tanzpartner: der Markt der knappen aber hochqualifizierten IT-Profis. Die Musik, also die technologischen Rahmenbedingungen, bietet laufend neue Möglichkeiten.

Die gute Nachricht: Für IT-Unternehmen, die es verstehen, ihre Choreografie optimal auf die technologischen Rahmenbedingungen, ihre Kunden und die Mitarbeitenden abzustimmen, bietet sich ein enormes Marktpotential. Im Zentrum stehen dabei langfristiges Denken und der Fakt, dass Paartanz ein Teamsport ist.

Der Markt der anspruchsvollen Kunden

IT-Kunden erwarten heute von ihren Lieferanten Lösungen, die modular und standardisiert sind. Sie möchten bei ihrer Lösung das, was sie brauchen, selber auswählen können. Gleichzeitig entwickeln die B2B Kunden eine neue Preis- und Leistungssensitivität. Privat als Kunde greift man zwar für das neuste Smartphone mit Freude tief in die Tasche. Auch die stolzen Gebühren für einen breitbandigen Internetanschluss gelten für Private als Selbstverständlichkeit. Der Geschäftskunde denkt da anders: eine Stunde Softwareentwicklung kostet 50 US Dollar – Vergleichszahlen aus Fernost. Die Beratung wird schon lange als «Presales Aktivität» betrachtet. Hat man einen Kunden gewonnen, verlangt er die Rundumbetreuung: Projektleitung, Beratung und Support von Systemen und Applikationen. Und das alles soll in höchster Qualität erfolgen. Akzeptiert wird nur Personal, das in menschlicher und fachlicher Hinsicht zu Höchstleistungen fähig ist. Zeitliche Flexibilität ist gar kein Thema: Der B2B Kunde will die Leistung jetzt, nicht erst in vier Wochen.

Der Markt der hochqualifizierten IT-Profis

In den IT-Pionierzeiten der 80er und 90er Jahre zählten meist hoch spezialisierte Autodidakten zu den Leistungsträgern. Es waren Einzelkämpfer, die sich die Regeln selber setzten. Unternehmen, die über diese IT-Fachkräfte verfügten, hatten einen wesentlichen Vorteil. Doch eines war gleich wie heute: auch zu IT-Pionierzeiten waren solche Leute rar.

Heute gibt es die «IT-Fachkraft» nicht mehr. Es gibt hochqualifizierte IT-Profis, die bestens ausgebildet sind. Sie sind Spezialisten in dem, was sie tun. Lehrabschluss oder ein Bachelordiplom gehören zur Basisausbildung. Anschliessend bilden sie sich zielgerichtet und regelmässig weiter. Ob Product Owner, Scrum Master, Business Analyst, Software- oder Systemengineer, sie alle erbringen auf ihren Positionen Höchstleistungen; nicht als Einzelkämpfer, sondern im Team.

Eine solche Dynamik bringt auch Änderungen am Arbeitsmarkt mit sich. Die IT-Profis stellen überdurchschnittlich hohe Erwartungen an ihr Kompensationspaket. Oftmals geben sie sich nicht damit zufrieden, ihren Job nach Dienstvorschrift auszuüben. Heisst, sie erwarten selbstorganisierte Teamstrukturen und einen hohen Grad an Freiraum, damit sie sich maximal einbringen können.

Die Choreografie

Für den Tanzlehrer keine leichte Herausforderung. Er hat ein Paar mit unterschiedlichen, aber hohen Erwartungen und Ansprüchen auf gleiche Ziele auszurichten und zur Höchstleistung zu mobilisieren. Wie gestaltet man also die Choreografie zwischen Kunden- und Arbeitsmarkt in Perfektion?
Erfolgreiche IT-Unternehmen sind bereit, sich aus der Komfortzone zu bewegen, damit sie die Chancen von Veränderung wirklich wahrnehmen können. Im Fokus stehen dabei primär langfristiges Denken und die Erkenntnis, dass Paartanz kein Einzelsport ist.

Doch was heisst langfristiges Denken in Zeiten stetiger Veränderung und kurzer Innovationszyklen?

Die Musik richtig interpretieren: Die Musik, also die technologische Entwicklung muss laufend beobachtet und falls sinnvoll im eigenen Portfolio genutzt werden. Immer im Sinne des Kundennutzens, nicht des Spassfaktors.

Erfolgreiche IT-Unternehmen leben ihr Innovationsmanagement auf allen Stufen. Die Strategie wird regelmässig überprüft und hinterfragt. Das Leistungsportfolio wird strukturiert und in kurzen Zyklen analysiert und adaptiert. Neues Potential wird gezielt ausgeschöpft, zum Beispiel mit „Design Thinking“ Workshops.

Die Kundenbeziehung als Investition sehen: Die Zusammenarbeit mit den Kunden muss als Weg gesehen werden, auf dem man voneinander lernt. Im Fokus steht das Wissen über den Kunden und was ihn erfolgreich macht. Denn der anspruchsvolle Kunde hat am anderen Ende seiner Wertschöpfungskette ebenfalls anspruchsvolle Kunden.

Erfolgreiche IT-Unternehmen sind aufmerksam. Sie nehmen ihre Kunden ganzheitlich wahr. Sie identifizieren sich mit ihnen. Sie sehen ihre Leistung in der Geschäftsbeziehung darin, einen Beitrag zu leisten, um den Kunden noch erfolgreicher zu machen.

Know-how des IT-Unternehmens als Produktivitätsfaktor leben: Der Fachkräftemangel im IT-Umfeld hat dazu geführt, dass der IT-Arbeitsmarkt eine Dynamik entwickelt hat, die nicht den klassischen Arbeitsmarktgrundsätzen folgt. IT-Profis wollen nicht einfach «viel verdienen». Sie interpretieren «Karriere» nicht primär mit einer Position möglichst weit oben auf dem Organigramm.

Erfolgreiche IT-Unternehmen verstehen es, die vielschichtigen Ansprüche der Mitarbeitenden zu erfüllen. Sie schaffen Rahmenbedingungen, damit sie persönliche, berufliche wie private Interessen gleichermassen befriedigen können: Fachkarrieren, Sabatticals, Freiraum für sportliche, kulturelle, familiäre oder auch politische Aktivitäten.

Für das Schaffen von Freiräumen spielt die Organisationsform eine wesentliche Rolle. IT-Profis entfalten sich am besten in selbstorganisierten Strukturen. Und diese schafft man nicht von heute auf morgen. Es gilt auch hier wieder nachhaltig und langfristig zu denken. Das braucht meist einiges an Stehvermögen, insbesondere bei Rückschlägen.

Paartanz ist Teamsport

Beim Paartanz ist man gemeinsam unterwegs, strebt gemeinsam nach Perfektion. Erfolgreichen IT-Unternehmen ist es geglückt mit ihren Kunden eine vertrauensvolle Partnerschaft auf Augenhöhe zu etablieren. Die Zusammenarbeit wird regelmässig gemeinsam gestaltet. Fehler und Erfolge werden nicht einseitig für sich reklamiert. Sondern im Team analysiert und verarbeitet.

Dies bedingt ein grosses gegenseitiges Vertrauen, welches auf gleich verstandenen Werten und Methoden basiert. Die Mitarbeitenden verbinden Technologie- und Methodenkompetenz mit Branchenanforderungen. Damit werden sie zum geschätzten Gesprächspartner der Kunden. Der ideale Mix.

Dies zu erreichen benötigt Zeit. Eine weitere Investition, die sich mit Sicherheit lohnt. Darunter versteht man insbesondere die Entwicklung von gegenseitigem Verständnis. IT-Unternehmen müssen sich die Zeit nehmen, den Kunden die Vorteile ihrer Werte und Methoden zu erläutern. Und genau so sollen Kunden Rückmeldungen geben können. So entsteht eine optimal aufeinander abgestimmte Zusammenarbeit. Langfristig. Nachhaltig. Erfolgreich.

Shall we dance?

Jürg Keller

Autor: Oliver Meyer, Inhaber und Geschäftsleiter der Löwenfels Partner AG, Luzern. Das Unternehmen beschäftigt rund 50 Mitarbeitende. Sie arbeiten mehrheitlich in selbstorganisierten Strukturen. Löwenfels ist spezialisiert auf die Integration von Dokumentenmanagement Lösungen und Entwicklung von Branchensoftware.

2019-06-17T10:01:57+02:00